22. Juni 2026

Das war kein Absturz von Platz zwei auf sieben, sondern ein Neustart von null auf sieben.“

Von Tilman Treue

Calbe. „Das war Neuland für alle Seiten“, blickte Frank Falke, Trainer der Oberliga-Handballerinnen der TSG Calbe, auf den holperigen Saisonbeginn seines Teams. „Lutz [Dohmke, Co-Trainer] und ich waren quasi die Feuerwehr“, erinnerte er sich an die Übernahme des Traineramts zwei Wochen vor Saisonbeginn. Dass es am Ende der 7. Platz wurde, macht ihn stolz: „Ich ziehe den Hut vor dem, was hier gewachsen ist, wie sich jede einzelne Spielerin entwickelt und sich für das Team eingebracht hat.“

Nachdem Stefanie Beyer ihre Trainerkarriere wie angekündigt beendet und weitere fast zehn Spielerinnen des Vizelandesmeisters von 2025 aus verschiedensten Gründen aufgehört hatten, mussten sich die Saalestädterinnen neu erfinden. Die Vorzeichen standen schlecht und vor allem die Trainerfrage war lange offen. „Als wir dann übernommen hatten, blieb uns kaum Zeit“, unterstrich Falke, „erschwerend kam dazu, dass wir viele Spielerinnen gar nicht kannten und plötzlich Schlüsselpositionen im Team nicht mehr besetzt waren.“ So musste improvisiert und experimentiert werden, zum Beispiel beim einzigen Vorbereitungsturnier in Biederitz. „Wir haben geschaut, wer kann wo spielen und übernimmt auf der Position auch die entsprechende Verantwortung“, umriss der Trainer. Langjährige Routiniers standen eben nicht mehr zur Verfügung, weshalb sich manche Spielerin plötzlich komplett anderen Aufgaben gegenüber sah. „Natürlich ist nicht alles davon glücklich gelaufen“, räumte er mit Blick auf die Findungsphase ein, aber wir sind den Weg gemeinsam gegangen, haben uns ausgetauscht und nachgesteuert. Und da setzte die Entwicklung ein, die, wie Falke betonte, sowohl Mannschaft als auch Trainerteam formte.

Das große Pfund der Mannschaft war stets das ausgezeichnete Miteinander und ihr Herz für die Sache, was sich besonders in der Abwehr eindrucksvoll bewies. „Wir haben im Verbund aus Kampf, Einsatzbereitschaft und starken Torhütern die beste Abwehr der Liga gestellt“, lobte der Trainer. Anders lief das allerdings im Angriff, wo sich die neuen Abläufe und Strukturen erst einspielen mussten. „Plötzlich standen dort andere Spielerinnen, musste man selbst die Verantwortung übernehmen, Blickkontakt aufbauen, Entscheidungen treffen“, brachte er die Herausforderungen auf den Punkt, ohne auch hier zu unterstreichen, wie gut sich diese

Aspekte im Lauf der Saison entwickelt haben. Am Ende der Hinrunde stand das Punktekonto bei 11:15 und damit absolut im grünen Bereich. Die Auswärtssiege in Irxleben und Gräfenhainichen sorgten für zusätzlichen Auftrieb.

Doch dann schlug die fehlende Vorbereitungsphase so richtig zu. „Wir hatten uns natürlich vor allem auf den technisch-taktischen Bereich konzentriert, für großartige Konditionseinheiten blieb da keine Zeit“, ordnete der Coach ein, dass die Reserven schließlich aufgebraucht waren. Fünf Spiele in Folge blieben die Calbenserinnen von Januar bis März ohne Zähler. „Das macht natürlich auch etwas im Kopf“, war sich Falke gewiss und tatsächlich fand das Team erst zum Saisonende wieder in die richtige Spur. Und auch wenn er sich mit Namen sonst zurückhält und immer wieder betont, wie stark das Gesamtpaket sei, erwähnte er in dieser Situation dann doch Kristin Sroka und Josephin Hecker als „Leader“ in dieser wichtigen Phase. Gegen den Abstieg spielte die TSG zwar nie, blieb in der Rückrunde aber dennoch hinter ihren Möglichkeiten. „Uns hat definitiv auch die mitunter mangelnde Trainingsbeteiligung geschadet“, kritisierte er und forderte für die nächste Saison noch mehr Bereitschaft, gerade um bestimmte taktische Momente noch intensiver zu trainieren. „Uns ist natürlich bewusst, was die Frauen für die Mannschaft auf sich nehmen und wir ziehen den Hut davor, was trotz beruflichen Verpflichtungen, Kind, Familie, Ausbildung und mitunter langen Anfahrtswegen möglich ist. Dennoch brauchen wir das Training, um uns weiter zu entwickeln, das ist aktuell unsere größte Reserve.“ Etwas unglücklich sei auch die Einbindung der drei A-Jugendlichen gelaufen, die über ein Zweitspielrecht beim HC Salzland in ihrer Altersklasse zwar wichtige Spielerfahrung sammelten, aber dadurch immer ein wenig dazwischen standen. Doch auch das hat das Trainerteam im Blick.

Neuland war für viele Spielerinnen übrigens auch die Teilnahme am über viele Jahre ausgesetzten HVSA-Pokal. Falke machte keinen Hehl daraus, wie wertvoll er diese zusätzlichen Spiele fand: „Das war auf jeden Fall eine Bereicherung und wir haben die Druckpunkte angenommen, die das KO-System bot“, unterstrich er und erinnerte an den überschwänglichen Jubel, als die Saalestädterinnen den FSV 1895 Magdeburg mit 27:22 besiegten und ins Halbfinale einzogen. Dort war gegen den TSV Niederndodeleben II zwar Schluss, doch der Reiz dieser besonderen Spielform, in der 60 Minuten über Ausscheiden oder Weiterkommen entscheiden, blieb fest im Gedächtnis.

Mit Blick auf die Gesamtsituation ist sich der Trainer abschließend sicher: „Das war kein Absturz von Platz zwei auf sieben, sondern ein Neustart von null auf sieben.“ Ausdrücklich bedankte er sich bei Betreuerin Antje Lück, Physiotherapeutin Doris Müller, aber auch den Familien und Partner der Spielerinnen sowie all denjenigen, die das Team durch die Saison getragen haben. „Das Drum und Dran dieser Mannschaft passt, das Vertrauen ist gewachsen und wir sind jetzt in der Situation, dass wir das Team kennen und eine ganz andere Vorbereitung machen können“, blickte er bereits auf die Zeit nach der Sommerpause. „Das war für alle Beteiligten eine unglaublich lehrreiche Saison und wir können als Trainerteam nur noch einmal Danke sagen. Wir brauchen uns nicht zu verstecken und können auf das, was wir erreicht haben, aufbauen.“

Dieser Artikel wurde am 22.Juni 2026 von Dorle Hädecke veröffentlicht und wurde unter Frauen, Spielberichte abgelegt.


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